18 Inseln im Nordatlantik – die Färöer

18 Inseln im Nordatlantik irgendwo zwischen Island, Norwegen und Schottland. Über die Färöer konnten wir vor unserer Abreise garnicht so viel in Erfahrung bringen. In Buchhandlungen gibt es keine große Auswahl an Reiseführern und der Tag des Abflugs kam schneller als erwartet. So machten wir uns ohne lange Bucket List auf den Weg und hatten nur das Wichtigste verinnerlicht: mehr Schafe als Einwohner, 300 Regentage, ständig wechselndes Wetter. Die richtige Kleidung hatten wir deshalb dabei und mental waren wir auf die Färöer, auch wenn wir noch nie dort gewesen waren, voll und ganz eingestellt. Ein paar Restzweifel blieben natürlich. Würden wir es sechs Tage auf den kleinen abgelegenen Inseln aushalten oder würden uns Herbststürme und Dauerregen davon abhalten, einen Fuß vor die Tür zu setzen?

Diese letzten Bedenken waren schon 30 Minuten nach unserer Landung in Vágar verflogen. In dieser kurzen Zeit hatten wir unser Gepäck und unseren Mietwagen in Empfang genommen, uns mit kostenlosen Reiseführern eingedeckt und auf den Weg zu unserer Unterkunft gemacht, der uns vom ersten bis zum letzten Meter beeindruckte. Abwechselnd ging es am größten See der Färöer und am Meer entlang. Gras bewachsene Hütten und kleine Ortschaften stehen im Schatten steil aufragender grüner Hügel. Wir wussten: wir sind genau richtig hier.

Die Wege auf den Färöer sind kurz. Von unserer Unterkunft im Süden nahe des Flughafens Vágar bis in den äußersten Zipfel der Nordinseln sind wir etwas mehr als eine Stunde mit dem Auto unterwegs. Mautpflichtige Tunnel und Brücken verbinden die wichtigsten Inseln und sich zu verfahren ist bei den wenigen Straßen fast nicht zu schaffen. Nur wer auf die Inseln möchte, die nicht ans Straßennetz angebunden sind, sollte etwas mehr Zeit für die Fähre oder gar den Flug mit dem Hubschrauber einplanen.

Tjørnuvík – wir beobachten Risin und Kellingin

Unser erstes Ziel ist Tjørnuvík ganz im Norden von Streymoy, der größten Insel. Das Leben spielt sich auf den Färöer meist auf einem dünnen Streifen längs der Küste ab, denn fast immer versperren hohe Bergfronten den Weg und den Blick ins Landesinnere. Oder auf der anderen Seite des Berges wartet gleich wieder der nächste Meeresarm. An den wenigen Hauptverkehrsadern der Färöer liegen die Siedlungen nah beieinander. Um nach Tjørnuvík zu kommen, biegen wir auf eine der Nebenstraßen ab und schon wird es einsam. Die Häuser werden weniger, die Straße schmaler, wir kommen am 140 m hohen Fossá, einem der höchsten Wasserfälle, vorbei und schlängeln uns zuerst den Berg hinauf und dann wieder hinunter. Unten im Tal am Ende der Straße liegt Tjørnuvík in einer kleinen Bucht hinter der sich ein riesiges kreisrundes Tal öffnet. Wir haben uns dick eingepackt und das ist auch bitter nötig. Bei 4 Grad zerrt ein starker Wind beständig an uns. Die Wellen scheinen den kleinen Strand komplett unter sich begraben zu wollen. Ein Weg führt zu einem Aussichtspunkt und je näher wir dem Wasser kommen, desto mehr spüren wir die Kraft der Wellen, die so hoch sind, dass sie fast bis auf den Weg hinauf kommen. Wir betrachten das Ganze mit dem nötigen Abstand und können vom Aussichtspunkt Risin und Kellingin auf der Nachbarinsel Eysturoy erkennen. Der Sage nach wollten die beiden Riesen die Färöer nach Island ziehen und sind dabei versteinert als sie vom Tagesanbruch überrascht wurden. Wir schlagen bei diesem Wetter nicht allzu viele Wurzeln.


Von Miðvágur zum Bøsdalafossur

Bei unserer Anreise ist uns am Flughafen ein kostenloser Wanderführer in die Hände gefallen. Eine der Routen beginnt ganz in der Nähe unseres Ferienhauses und so machen wir uns von Miðvágur aus auf zum Bøsdalafossur, einem Wasserfall, der über eine Klippe ins Meer stürzt. Durch ein Gatter betreten wir eine Schafweide, obwohl um genau zu sein fast jeder freie Quadratmeter Grasland als Weide genutzt wird. Längs der Straßen grasen auf den Färöer überall Schafe, Gänse und Enten. Wir folgen einem Weg oberhalb des Sørvágsvatn, den wir schon beim Landeanflug gesehen haben. In ein paar Kilometern Entfernung sehen wir die Landebahn des Flughafens und können nebenbei den wenigen Flugzeugen beim Starten und Landen zuschauen.

Als wir dem Bøsdalafossur näher kommen und neben uns der Trælanípa (Sklavenberg) wie ein spitzer grüner Eisberg aufragt, verliert sich der Weg. Von da an laufen wir querfeldein mal einen grasbewachsenen Abhang hinab, mal an steinigen Klippen nach unten. Wir kommen langsam voran und brauchen gefühlt eine Stunde für die letzten paar hundert Meter bis wir freien Blick auf den Wasserfall haben. Dazu kommt ein bisschen Höhenangst. Die Klippen fallen steil zum Meer hin ab und wir wissen nie so recht, welcher Abgrund hinter der nächsten Kuppe auf uns wartet. Als wir endlich freie Sicht auf den Bøsdalafossur haben, bekommen wir noch einen Schreck: eine Handvoll Touristen balanciert besonders nah an der Klippe entlang, um das perfekte Foto zu machen. Wir klettern nicht ganz hinab an die Kante und bestaunen den Bøsdalafossur aus sicherer Entfernung. Vom Sørvágsvatn stürzt das Wasser hinab ins Meer und unten brechen sich die Wellen an den Klippen. Es wirkt etwas surreal, aber die Anwesenheit einiger Touristen und unzähliger Schafe ist der Beweis dafür, dass das hier gerade wirklich passiert.






Ein Ein-Tages-Roadtrip auf die Nordinseln

Der Blick in den Wetterbericht ist obligatorisch, auch wenn man sich nie so richtig darauf verlassen kann. Einen Tag ganz ohne Regen erleben wir während unseres Aufenthalts nicht. Meist ist es leichter Sprühregen, der in der einen Minute da ist und gleich darauf schon wieder weg – die Einheimischen reagieren auf den Niederschlag mit Gleichmut. An diesem Tag ist der Wetterbericht jedoch eindeutig: morgens, mittags, nachmittags – Regen. Wir beschließen, eine Art Ein-Tages-Roadtrip in Angriff zu nehmen. Wir wollen auf die Nordinseln (Norðoyar), die von uns aus gesehen am anderen Ende der Färöer liegen.

Auf der einstündigen Autofahrt geht es steil bergauf, durch gut ausgebaute Unterseetunnel, enge einspurige Tunnel, durch dichten Nebel, starken Regen und das ein oder andere Mal blinzelt die Sonne durch die dichten Wolken. Als wir in Viðareiði auf Viðoy ankommen, von wo aus man eigentlich bis zum Nordkap der Färöer wandern könnte, hält uns der Regen davon ab, auszusteigen. Wir parken bei der kleinen Kirche direkt an der Klippe und der Regen trommelt auf die Scheibe – es macht keinen Sinn das Auto zu verlassen. Wir entscheiden, weiterzufahren in einen Ort, den es nicht mehr gibt. Die Siedlung Múli wurde aufgegeben und liegt auf der Nachbarinsel Borðoy. Es zieht besseres Wetter auf und wir unternehmen eine Wanderung durch das Dorf, das garnicht so ausgestorben wirkt – für färöische Verhältnisse. Der Pfad führt über Wiesen nah an der Klippe entlang bis zu einer Schlucht. Wir steigen ein paar Meter den Hügel hinauf und blicken hinüber nach Viðareiði am gegenüberliegenden Ufer. Letztendlich brauchen wir für die zehnminütige Wanderung über eine Stunde, weil wir alle paar Meter halten und uns umschauen. Wir machen an diesem Tag in jedem Ort auf den Nordinseln halt, den wir mit dem Auto erreichen können und erkunden so Borðoy, Kunoy und Viðoy.




Saksun und Gjógv

Wir haben wieder den Wanderführer gewälzt und eine „einfache bis mäßig schwere“ Wanderung gefunden, die von Saksun nach Tjørnuvík führen soll. Wir haben schon gemerkt, dass man für die vorgeschlagenen Wanderungen ein paar mehr Outdoor-Skills benötigt, als uns zur Verfügung stehen – probieren wollen wir es trotzdem. Die Straße nach Saksun ist eine zehn Kilometer lange Stichstraße, die sich an einem Bach entlangschlängelt. Saksun liegt in einem Tal, das von mehreren hundert Meter hohen Bergen umgeben ist. Am Fuß einer Bergwand direkt neben einem Wasserfall beginnt unsere Wanderung.

Da müssen wir jetzt rauf. Der Weg ist ein schmaler steiler Pfad, der später immer längs entlang des Berges nach oben führt. Wir überqueren Bäche und klettern über Steine und Schlamm ganz langsam hinauf. Es dauert und wir müssen mehrmals die spärlichen Wegmarkierungen suchen. Nach anderthalb Stunden sind wir oben am Gipfel, aber noch lange nicht am Ziel. Aus über 500 m Höhe können wir Saksun, das Tal und die Bucht überblicken. Der einfachere und längere Teil der Wanderung beginnt hier. Wir beschließen umzukehren, denn wir müssen ja auch wieder herunterkommen und das Ziel der Wanderung, Tjørnuvík, kennen wir ja bereits. Der Regen, der inzwischen eingesetzt hat, hat uns aufgeweicht. Wir tasten uns langsam nach unten vor, kommen doch immer wieder ins Rutschen. Etwas Panik spüren wir schon in uns aufsteigen in Anbetracht des steilen Abstiegs, des schwierig zu findenden Wegs und des matschigen Untergrunds. Zwei Mal landet eine von uns im Matsch und rollt sich unfreiwillig filmreif ab, zum Glück ohne dabei auf einem Stein aufzuschlagen.



Als wir auf wackeligen Beinen unten ankommen, sehnen wir uns nach einem schönen geraden Weg. Von oben haben wir gesehen, dass man die Bucht entlang bis an den drei Kilometer entfernten Strand laufen kann. Das hört sich schon machbarer an. Der Pfad führt hinab in eine Schlucht an deren Ende sich eine von hohe Bergen umgebene Bucht öffnet, die das Meer nur bei Flut überspült. Der Atlantik rauscht weiter draußen und so laufen wir durch die stille fast menschenleere Bucht und suchen nach den Spuren, die das Meer hier hinterlassen hat. Wir kommen dem Atlantik näher, die Schlucht wird wieder enger und wir wissen nicht, ob wir bei einsetzender Flut noch so einfach zurückkommen.

Danach müssen wir uns im Auto ein bisschen aufwärmen und fahren nach Gjógv auf Eysturoy. Der kleine Ort liegt eingeklemmt in einem Tal und wir erreichen ihn über eine Passstraße deren Serpentinen sich sehen lassen können. In Gjógv machen wir einen kleinen Spaziergang durch den Ort zum Naturhafen, der spektakulär zwischen zwei Klippen gelegen ist. Weitere Wanderungen die Klippen hinauf überlassen wir anderen – wir haben unser Pensum für diesen Tag erreicht.



Das alte und das neue Zentrum der Färöer

Von unserer Unterkunft nahe des Flughafens ist die färöische Hauptstadt Tórshavn nur 30 Autominuten und zwei Tunnel entfernt. Auf den Färöer ist alles eine Nummer kleiner: ja, Tórshavn hat eine Hafenfestung und ja, man hat die Festung Skansin in etwa 15 Minuten besichtigt, weil sie gefühlt kleiner als ein Fußballfeld ist. Am Hafenbecken entlang laufen wir hinüber nach Tinganes, wo schon vor über tausend Jahren die Einwohner der Färöer zum Debattieren zusammenkamen. Das Regierungsviertel befindet sich gleich daneben. In verwinkelten gepflasterten Gassen liegen die Ministerien in roten historischen Holzhäusern dicht beieinander. Durch die Fenster kann man den Beamten beim Arbeiten zuschauen und wir fragen uns, ob eine Regierung noch unprätentiöser und unaufgeregter daherkommen könnte als hier. Da wir sehr früh morgens durch die Straßen schlendern, wirkt alles in Tórshavn noch verschlafener als es eigentlich ist – die ausgezeichneten Restaurants und viele der Bars rund um Vágsbotn sind bei unserem Besuch verständlicherweise noch geschlossen.






Wir fahren noch ein paar Kilometer weiter Richtung Süden nach Kirkjubøur. Heute ist Tórshavn das Zentrum der Färöer, im Mittelalter war es der Küstenort Kirkjubøur. Die Reste einer alten Kathedrale kann man sich noch heute ansehen – der alte Bischofssitz ist damit die einzige ältere Ruine auf den Färöer. Wir sind nur 15 Minuten vom Zentrum Tórshavn entfernt und schon ist alles wieder erfüllt von Ruhe, Wind, Wetter und dem Meer. Wir beobachten wie die Wolken schnell über den Horizont ziehen, die Sonne immer wieder durch die Wolkendecke bricht und das Meer immer wieder in anderes Licht taucht.



Gásadalur

Auch wenn wir in unserer Woche auf den Färöer auf Fährfahrten und Hubschrauberflüge verzichtet haben, finden wir dennoch immer wieder Orte, die nicht nur abgelegen sondern auch fast menschenleer wirken. Gásadalur war mal so ein Ort. Bis vor wenigen Jahren war Gásadalur, das nur wenige Kilometer Luftlinie vom Flughafen entfernt ist, für Autos und LKW unerreichbar hinter einer Bergwand. Ein schmaler Tunnel hat Abhilfe geschaffen und so nutzen viele Touristen ihre letzten Stunden vor dem Abflug für einen Abstecher nach Gásadalur, denn dort wartet der Múlafossur. Der Ort und der Wasserfall liegen von Bergwänden umgeben in einem Tal. Die Szenerie hätte man sich nicht besser ausdenken können. Der Múlafossur stürzt über eine Klippe hinab in die Brandung des Atlantik. Bei strahlendem Sonnenschein und einer starken Brise machen wir uns auf den kurzen Weg zum Wasserfall. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir in wenigen Minuten das erste und einzige Mal in diesem Urlaub nass bis auf die Haut sein werden. Und dass kam so. Dem Múlafossur nähern wir uns über einen kleinen Weg der Richtung Klippe führt. Neben uns plätschert der schmale Bach, der den Wasserfall speist.

Je näher wir der Klippe kommen, desto stärker wird der Wind. Auf der Aussichtsplattform zerrt er so ans uns, dass wir kaum Fotos machen können. Der Bach stürzt in den aufgewühlten Atlantik und der Wind verwandelt einen Teil des hinabrauschenden Wassers in einen feinen Nebel, der ins Landesinnere getragen wird. Die Sonne, der Wind, das Wasser – wir beobachten eine Art Regenbogenmaschine. Wir beschließen einem kleinen Weg zu folgen, der über den Bach und zurück ins Dorf führt. Die beständige Nebelwolke haben wir dabei unterschätzt. Die Minute, die wir brauchen um sie zu durchqueren, fühlt sich an wie eine Stunde im Inneren einer Spülmaschine. Der feine Nebel dringt sofort durch alle Schichten Kleidung, die wir anhaben und als wir wieder klar sehen können und die Wasserwand hinter uns gelassen haben, sind wir tropfnass. Das war sicherlich ein großartiges Schauspiel für die Beobachter auf der Aussichtsplattform. Diese eine Minute stellt alles in den Schatten, was wir in einer Woche Färöer an Regen abbekommen haben.

Der atemberaubende Anblick des Wasserfalls, das tosende Meer, der enge Tunnel, das kleine Dorf Gásadalur, das in einem grünen Tal liegt – wenn wir unsere Zeit auf den Färöer auf ein paar wenige Augenblicke verdichten müssten, würden wir immer sofort an den Múlafossur denken.



Was tut man sechs Tage auf ein paar Inseln im Nirgendwo, die etwa halb so groß wie das Saarland sind und auf denen es fast immer regnet? Wir haben auf den Färöer in kurzer Zeit unglaublich viel erlebt, ohne hunderte Kilometer mit dem Auto abreißen zu müssen und ein Land kennengelernt, das einzigartig ist und bisher noch vom großen Touristenansturm verschont blieb.

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