Durchorganisierte Geborgenheit

Verrat an sich selbst. Unsere eigenen Prinzipien werfen wir einfach so über Bord. Unsere Freiheit zu übernachten wo wir wollen, geben wir auf und tauschen sie gegen die durchorganisierte Geborgenheit eines Campingplatzes ein.

Wir haben Bohuslän hinter uns gelassen. Seit einigen Stunden sind wir unterwegs Richtung Osten und die Landschaft, die draußen an uns vorbeizieht, hat sich verändert. Ein gefühlt unendlicher Wald hat die Schären abgelöst, an die wir uns in den letzten Tagen gewöhnt hatten. Die Straßen sind schmale Schneisen, die mit der Zeit nur noch als Verbindung zwischen einer Häuseransammlung und der nächsten dienen. Dazwischen: Wald und Seen.

Wir sind zwischen den beiden großen Seen Vänern und Vättern und steuern den Unden an. Ein für hiesige Verhältnisse riesiger See nördlich, des noch um ein Vielfaches größeren Vättern. Unsere Essensvorräte noch an der dichter besiedelten Westküste aufzufüllen, wäre ein sinnvoller Schachzug gewesen. Eigentlich am Ziel angekommen, stellen wir fest, dass der Kühlschrank leer ist und es um uns herum nichts gibt außer Wald und Seen. Wir müssen uns entscheiden: in den Survival-Modus umschalten und sich in den nächsten Tagen von dem ernähren, was der Wald so hergibt oder weiterfahren. Die erhitzten Gemüter konnte ich nur mit einem Tritt aufs Gaspedal beruhigen. 30 Minuten später erreichten wir Laxå, den nächstgrößeren Ort. Den anschließenden Einkauf zelebrieren wir dann dementsprechend. In unserem Einkaufswagen landet ein Querschnitt der schwedischen Supermarktvielvalt. Danach sind wir bereit für ein paar Übernachtungen auf dem Campingplatz. Auf in die Parzelle! 

Drei Nächte am See – „Camping Tiveden“

Wir sind hier wegen des Nationalparks Tiveden, der fester Bestandteil unserer Reiseplanung ist, obwohl das einen Umweg auf der Route nach Norden bedeutet. Mangels Hinweisen auf Stellplätze, suchten wir nach einem Campingplatz und fanden lediglich „Camping Tiveden“. Der Internetauftritt gehört in die Kategorie #nofilter und spricht uns nicht so recht an. Auf den Fotos sieht alles nach Familienurlaub aus. Was uns aber aufhorchen lässt: es werden auch ein paar Stellplätze direkt am Unden erwähnt. Das hört sich gut an und am Telefon finden wir am Tag vor unserer Anreise heraus: wegen der Nachsaison sind einige der Plätze frei. Das macht Mut.

Schon kurz nachdem wir auf dem Platz eingecheckt haben, wissen wir: hier werden wir uns wohlfühlen. Das liegt einerseits daran, dass der Campingplatz Anfang September nicht voll belegt ist und wir tatsächlich direkt am See übernachten können. Andererseits an den Betreibern, die sich mit der Gestaltung des Zeltplatzes sehr viel Mühe geben.

Für mitteleuropäische Verhältnisse fühlt man sich in Camping Tiveden in die Wildnis versetzt. Der Platz liegt mitten in einem großen Waldgebiet und wenn man sich vom Ufer des riesigen Unden aus umblickt, sieht man kein Haus, keine Straße, keine Ortschaft. Feuerstellen, Badesteg, Sauna und ein Wanderweg am Campingplatz entlang – alles lädt dazu ein, die nähere Umgebung zu erkunden.

Camping Tiveden ist ein Familienbetrieb. Das spürt man schnell. Wir sind verblüfft über das frisch renovierte Waschhaus, vor dem tatsächlich jeder Campingplatzbesucher seine Straßenschuhe abstellt – ganz einfach, weil man sofort merkt, dass sich die Betreiber hier große Mühe mit ihren Gästen geben und nicht etwa wegen riesiger Verbotsschilder mit Warnhinweisen. Das erste Mal mit unserem Wohnmobil auf einem Campingplatz, lernen wir auch ein paar Annehmlichkeiten zu schätzen: dank der Stromzufuhr funktionieren die Steckdosen, um den Wassertank aufzufüllen müssen wir nur ein paar Meter laufen und mitten in der Wildnis mit Blick auf den Unden können wir uns mit dem Zeltplatz-WLAN verbinden. Nach einer Woche auf inoffiziellen Stellplätzen ist es gar nicht mal so schlecht, eine richtige Dusche zu nehmen und sich für ein paar Tage etwas fester verwurzelt zu fühlen.

Für die drei Tage, die wir schließlich hier bleiben werden, haben wir uns nichts Großes vorgenommen. Nach den vielen Kilometern auf der Straße in der vergangenen Woche wollen wir etwas zur Ruhe kommen und uns einfach mal nichts anschauen. Mit einer Ausnahme.

Ein Strand im Nirgendwo – Tiveden Nationalpark

Als wir vor fünf Jahren das erste Mal in dieser Gegend waren, war ein kleines Foto in einem Reiseführer ausschlaggebend. Darauf abgebildet: Vitsand Strand im Nationalpark Tiveden. Ohne genau zu wissen, was uns erwarten würde, hatten wir uns lediglich mit einer Straßenkarte dorthin gefunden. Und tatsächlich fanden wir mitten im Juli einen kleinen, ruhigen Strand mit ein paar Badegästen.

Den Nationalpark Tiveden hatten wir noch in guter Erinnerung und wollten ihn deshalb auch bei dieser Reise nicht auslassen. Über eine der vielen Schotterpisten, die sich durch den Wald schlängelte, erreichten wir den Nationalpark. Wenig hatte sich verändert, nur die Grillplätze und die Feuerstellen direkt am Strand mussten neu sein. Vitsand Strand war noch immer der einsame Strand mitten im Nirgendwo, wie wir ihn in Erinnerung hatten.

Nur ein Ranger lief uns über den Weg. Als er uns mit unserer Kamera sah, hatte er sofort ein paar Hinweise zu schönen Fotomotiven im Park parat. Ansonsten trafen wir, wie überall in Schweden und ganz besonders in dieser Gegend, auf wenige Menschen. Vorbei an großen Findlingen, teils über sie kletternd, teils über schmale Bohlen laufend, machten wir uns auf den Weg zur Steinquelle, eines der vielen ausgeschilderten Ziele im Nationalpark. Die Steinquelle selbst ist eine Ansammlung riesiger Findlinge und eher wenig spektakulär aber der Weg durch die unberührte Natur entlang am Vitsand See ist das Ziel.

Alles weitere ließen wir ruhig angehen. Zurück am Unden verbrachten wir einen Abend mit Grill und Knüppelkuchen an einer der Feuerstellen und mit der Zeit stellten sich bei uns einige camping-typische Verhaltensweisen ein. Wenn man sich an einem Ort zu heimisch fühlt, beginnt man Neuankömmlinge zu beobachten. In unserem Fall war das ein deutsches Pärchen, das kaum zu übersehen war. Das fing an beim klobigen Geländewagen und dem Wohnanhänger, der eigentlich ein bisschen zu groß für den Stellplatz war, setzte sich fort bei den Aufbau- und Grenzziehungsritualen und gipfelte im minutiösen Anbringen eines Auffangnetzes als zusätzliche Ablagefläche unter einem Hightech-Campingtisch. Der Gedanke, tausende Kilometer durch Europa zu fahren, um sich dann auf einem Campingplatz so einzurichten wie zu Hause, war für uns absurd.

Nachdem wir uns an dem Schauspiel satt gesehen hatten, brach unsere letzte Nacht in Schweden an.

Auch, wenn an den drei Tagen in Tiveden nahezu alles perfekt war – uns zog es weiter. Nach Norden. Nach Norwegen.

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