Roadtrip in den hohen Norden.
Von Schweden an den südlichsten Punkt Norwegens

Norwegen fühlt sich anders an als Schweden. Das war zumindest unser erster Eindruck. Von der einsamen Wildnis zwischen Vänern und Vättern in den dicht besiedelten Süden Norwegens zu kommen, ist ein mittlerer Kulturschock. Dazwischen lagen für uns zehn Stunden Fahrt. Wir wollten Schweden erstmal komplett hinter uns lassen, um uns auf den nächsten Abschnitt unserer Reise einlassen zu können. Das hieß für uns: eine lange Fahrt mit dem Wohnmobil, um noch am selben Tag am südlichsten Punkt Norwegens anzukommen, dem Kap Lindesnes. 

In zwei Wochen mit dem Wohnmobil haben wir auf unserem Weg mehrere tausend Kilometer abgerissen. Lange Autofahrten kann man langweilig finden, sie müssen es aber nicht sein. Auf Reisen fährt es sich entspannter, das gilt ganz besonders für Skandinavien, wo der Verkehr bei weitem nicht so dicht ist, Tempolimits notorische Raser in Schach halten und es allgemein sehr viel weniger aggressiv im Straßenverkehr zugeht als hierzulande. Einen ganzen Tag verbringen wir dennoch eher ungern auf der Straße. Das verschaffte uns aber viel Zeit, Land und Leute erstmal ein paar Stunden im Vorbeifahren zu beobachten. Kilometer um Kilometer lernten wir Norwegen zunächst langsam aus der sicheren Umgebung unseres Wohnmobils heraus kennen und waren skeptisch. Die Maut auf den Autobahnen wird automatisch ermittelt und nachträglich abgerechnet – etwas ungewohnt, sehr komfortabel, aber irgendwie fühlten wir uns auch rundum überwacht.

Der norwegische Wohlstand ist allgegenwärtig: die Straßen sind hervorragend ausgebaut und man kommt nicht drumherum zu denken, dass man sich den einen oder anderen Tunnel vielleicht hätte sparen können. In den Auffahrten vor den Häusern parken repräsentative Autos, der Rasen ist akkurat gestutzt und die Motorboote und Yachten, die überall ankern, sind beachtenswert. Alles wirkt eine Nummer ordentlicher und wohlsituierter als in Schweden. Die letzten Kilometer bis zum Kap fahren wir an Meerarmen entlang – auf der einen Seite liegen die Motorboote auf der anderen die gepflegten Anwesen. Es ist alles ein bisschen zu perfekt für uns und die beeindruckende Landschaft Südnorwegens, die erst ein Vorgeschmack auf das ist, was noch kommt, wird zum Beiwerk und komplettiert die „Heile-Welt-Vorgarten-Atmosphäre“, die wir zu spüren glauben. Auf den ersten Blick wirkt Norwegen auf uns, mit Verlaub, wie Rentnerurlaub. Und zwar genau wie der Rentnerurlaub, den man manchmal hinter der Postkartenromantik vermutet, die Reiseprospekte für Fjordkreuzfahrten und Wohnmobilreiseberichte von Mittfünfzigern mitunter versprühen.

Ob es etwas werden kann mit uns und Norwegen? Wir werden es herausfinden. Als wir am Kap Lindesnes ankommen, sind die meisten Tagestouristen schon weg. Der große Parkplatz ist leer bis auf ein paar weitere Wohnmobile und ihre Besitzer, die hier, genauso wie wir, übernachten wollen. Wir steigen hinauf zum Kap mit seinem rot-weißen Bilderbuchleuchtturm. Oben angekommen nehmen wir nur noch das Meer, die lange, zerklüftete Küstenlinie und die hereinbrechende Dämmerung wahr. Wir bekommen ein Gefühl dafür, am südlichsten Zipfel Norwegens angekommen zu sein. Das Blau des Meeres verschwimmt in der Ferne mit dem Horizont. Um uns herum die letzten Besucher, die die Bunkeranlagen aus dem 2. Weltkrieg erkunden oder sich mit ihren teuren Kameras und Objektiven in Stellung bringen um den Sonnenuntergang einzufangen. Wir steigen wieder hinab zu unserem Wohnmobil und sind immer noch unschlüssig. Das Kap hat Eindruck bei uns hinterlassen und ist auf jeden Fall eine Reise wert.









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