Unsere Islandreise beginnt auf dem Golden Circle

Acht Uhr morgens. Draußen ist es stockdunkel, die Höchsttemperatur soll heute fünf Grad betragen und ein paar Regenschauer soll es auch geben. Nichts womit wir an unserem ersten Tag auf Island nicht gerechnet hätten. Bei der Reiseplanung konnte uns keine der vielen dezenten Warnungen, die wir in Blogs, Foren und Reiseführern gefunden hatten, von unserem Plan abbringen: wir hatten uns vorgenommen, Island für zweieinhalb Wochen im November zu bereisen. Von Kälte, Regen, Schnee und Dunkelheit war die Rede. Schlussendlich siegte unsere Neugier – der Roadtrip würde schon nicht zu einer Expedition ins ewige Eis ausarten.

Da waren wir also und warteten an unserem ersten Morgen darauf, dass der Tag anbrechen würde und wir aufbrechen könnten. Von unserer Unterkunft in Mosfellsbær nahe Reykjavík hatten wir uns das Urlauber-Komplettprogramm vorgenommen: den Golden Circle, die Touristenstrecke schlechthin. Und das zu Recht. Innerhalb eines Tages kann man sich viele der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Islands ansehen.

Der Golden Circle war gleichzeitig ein Testballon. Inzwischen besuchen jedes Jahr weit mehr Touristen Island als die Insel Einwohner hat. Im Vergleich zu den Sommermonaten erhofften wir uns etwas mehr Einsamkeit. Am Golden Circle war das eher nicht der Fall. Alle unsere Ziele waren gut besucht – kleine Busse, große Busse, Touris, die wie wir im Mietwagen unterwegs waren, waren allgegenwärtig. Genauso wie die verschiedensten Sprachen, Selfie-Sticks und Souvenirshops. Je weiter wir uns in den kommenden Tagen von Reykjavík und den Touristen-Hotspots entfernten, desto weniger andere Reisende sollten uns begegnen.

Unser erster Halt hätte nicht typischer sein können. Direkt am Golden Circle und gut ausgeschildert ist Haukadalur zu finden. In dem Geothermalgebiet dampft, raucht und zischt es überall. Über eine halbe Stunde stehen wir einfach nur da und schauen dem Geysir Strokkur dabei zu, wie er alle zehn Minuten heißes Wasser meterhoch in die Luft schleudert. Wir versuchen wie alle anderen Besucher, das mal mehr mal weniger plötzliche Schauspiel auf Fotos festzuhalten.

Vom Strokkur ist es nicht weit bis zum Gullfoss (dem goldenen Wasserfall) einem der bekanntesten Wasserfälle Islands. Über zwei Stufen stürzt das Wasser über 30 Meter in die Tiefe und bahnt sich seinen Weg durch eine Schlucht. Ein Pfad bringt uns sehr nah an das tosende Wasser heran und wir versuchen den Gullfoss auf uns wirken zu lassen. Doch es ist früher Nachmittag und das heißt am Gullfoss, das gefühlt jeder Kubikmeter Wasser, der den Wasserfall hinunterfließt, auf einem Selfie verewigt wird. Unberührte Natur und Einsamkeit – nicht am Gullfoss. Natürlich können wir kaum erwarten, dass alle Besucher diesen Ort mit der gleichen Wertschätzung behandeln. Aber in dem Moment, in dem ein Wasserfall zu einer austauschbaren Fototapete zur besseren Selbstdarstellung wird, verliert das Naturschauspiel auch etwas von seinem Reiz.

Wir fahren weiter und beobachten einfach nur die Landschaft, die so ganz anders als in Mitteleuropa ist. Kein Baum versperrt die Sicht und oft wird der Horizont nur durch schneebedeckte Bergspitzen in der Ferne begrenzt. Wir halten am Kerið, dem Krater eines erloschenen Vulkans. Wir steigen zum tiefgrünen Kratersee hinab, betrachten Island vom Kraterrand aus von oben und lassen die vielen verschiedenen Farben im und um den Krater auf uns wirken.

Danach verlassen wir den Golden Circle und nehmen eine Nebenstraße, die am Þingvallavatn, einem der größten Seen Islands, entlangführt. Die Dämmerung setzt früh ein und wir möchten uns noch die Allmännerschlucht im Þingvellir-Nationalpark ansehen. In der Schlucht treffen die eurasische und die nordamerikanische Kontinentalplatte aufeinander und der Ort hat eine große Bedeutung für die Isländer. Über Jahrhunderte traf sich ihr Parlament hier und 1944 wurde die Republik Island in Þingvellir ausgerufen.

Als wir den Parkplatz erreichen, ist es 17 Uhr. Der Parkplatz ist leer und es beginnt bereits dunkel zu werden. Wir sind fast allein in der Allmännerschlucht. Die letzte Busladung Touristen ist gerade abgereist und kein Selfie-Stick ist weit und breit in Sicht. Wir wandern in der Dämmerung durch die Schlucht und über die vielen Wege und beobachten Lachse, die den Fluß hinaufschwimmen und wohl bald am Ende ihrer Reise angekommen sind.

Als wir wieder in unserer Unterkunft ankommen, sind wir überwältigt davon, was wir „mal eben“ innerhalb eines Tages im Vorbeifahren gesehen haben. Und die Einsamkeit, die wir uns erhofft hatten – vielleicht finden wir sie in den kommenden Tagen, wenn wir Island abseits des Golden Circle bereisen.

Die Basics zu unserer Islandreise – Route, Mietwagen, Ausrüstung, Anreise und Wissenswertes über Island haben wir in diesem Beitrag zusammengefasst.

1 Kommentare

  1. Ich kann jede Zeile eures Artikels so sehr nachfühlen! Gerade vor ein paar Tagen habe ich den dritten Teil unserer Kanadareise gebloggt (die Rockies) und hier war es haargenauso – Unmengen an Touristen (darunter wir) in Bussen und Selfiesticks soweit das Auge reicht. Ja, „selbst Schuld“, dass wir in der Hauptsaison da waren, aber auch für mich hat das Ganze der Landschaft verdammt viel seines Zaubers genommen.
    Wunderbare Fotos sind das von euch; ich liebe die Brauntöne und die Stimmung. Ich freue mich schon auf den Rest der Geschichte. <3

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