Zwischen Grachten und Giebelfassaden – 3 Tage Amsterdam

Das zweite Mal Amsterdam. Zum zweiten Mal schlendern wir stundenlang an den Grachten entlang ohne echtes Ziel, ohne lange Bucketlist von Dingen, die man unbedingt gesehen haben muss. Denn Amsterdam ist anders als andere Metropolen Europas. In London, Paris, Rom und anderswo gibt es die großen Fixpunkte, die Orte die jeder kennt und die auf jeder Postkarte erscheinen, Orte die alles überstrahlen und stellvertretend für eine ganze Stadt stehen. Amsterdam besteht aus vielen kleinen Puzzelstücken, die sich zu einem Gesamteindruck zusammenfügen, der sich nicht an einem bestimmten Ort festmachen lässt.

Wir lassen uns durch das enge Grachten- und Straßengewirr treiben – schauen mal auf die Straßenzüge mit ihren unnachahmlichen Häusern, die mal mehr mal weniger schief, schmal und steil emporragen, oder wenden den Blick dem Wasser zu, dass uns in der Innenstadt fast immer umgibt und wo sich ein Hausboot an das nächste reiht.

Auf den Straßen herrscht ein unvergleichliches Gewimmel aus Touristen und Einheimischen, die ihrem Alltag nachgehen. Links und rechts preschen wild klingelnde Radfahrer oder sich waghalsig durch die Touristenmassen schlängelnde Rollerfahrer an uns vorbei. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, lieber nur zu Fuß unterwegs zu sein – die Innenstadt, wo sich Märkte, Cafés, Restaurants und Geschäfte mit Brücken und ruhigen Grachten pausenlos abwechseln und unsere Unterkunft direkt am Waterloopleinmarkt machen es möglich.


Vorm Anne-Frank-Haus ist immer Gewusel. Touristen lassen sich vor der Eingangstür fotografieren, lange Schlangen warten auf Einlass. Auf dem schmalen Streifen zwischen Häusern und Gracht starten Bootstouren und hupende Autos und Rollerfahrer versuchen sich durch die träge und unbedarfte Touristenmenge zu drängen. Beim ersten Mal Amsterdam hatten wir nicht ausreichend Geduld, um uns für Karten an der Tageskasse anzustellen. Die sehr besonnenen Museumsmitarbeiter ließen uns wissen, dass wir entweder sehr früh aufstehen oder sehr lange warten müssten, um vor Ort ein Ticket zu bekommen. Diesmal hatten wir im Voraus online bestellt – auf 15 Minuten genau muss man seine Ankunft am Anne-Frank-Haus vorhersagen, dann kann man ein Onlineticket kaufen.

Das Museum ist klein. Wir wandern von Raum zu Raum und lassen die Einrichtung, die Bild- und Texttafeln und den Audioguide auf uns wirken. Letzteres am besten mit mitgebrachten Kopfhörern – das hilft, um etwas Abstand von den anderen Besuchern zu bekommen.

Je näher wir dem Versteck der Franks im Hinterhaus kommen, desto enger wird es. Auch wenn man sich diesen Ort mit vielen anderen Besuchern teilen muss – bei uns hinterlässt das Museum einen bleibenden Eindruck. Nicht als Ort, an dem man alles anfassen und ausprobieren kann, sondern als beklemmend realistische Erinnerung an ein dunkles Kapitel der Geschichte.



Ein Vormittag mit Regen kündigt sich an. Wir beschließen noch am Abend, uns online Tickets für das Rijksmuseum zu klicken und gleich am nächsten Morgen dorthin zu fahren. Als wir um kurz nach 9 Uhr mit unseren Tickets am Museum ankommen, vergehen keine zehn Minuten bis wir in den Ausstellungsräumen sind. Es stellt sich kurz die typische Museums-Überforderungs-Situation ein: Wo sind wir eigentlich und was sehen wir uns zuerst an?

Nach ein paar Minuten haben wir das Funktionsprinzip der kostenlosen App des Rijksmuseums verstanden – es gibt mehrere Rundgänge, die es einfach machen, das Museum systematisch zu erkunden – wieder sind eigene Kopfhörer praktisch. Die Audioguides können auch im Museum ausgeliehen werden, aber das kostet und dauert. Zu vielen Ausstellungsstücken bietet die App deutsche Audioschnipsel und weiterführende Videos. Die einfach konsumierbaren Audiohäppchen helfen uns ungemein beim Erkunden des Rijksmuseums.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen niederländische Kunst und Geschichte mit einem Schwerpunkt auf dem 17. Jahrhundert. Man findet eher weniger zeitgenössische Kunst. Als wir gegen 12 Uhr in der Ehrengalerie ankommen, wo die wichtigsten Werke, u.a. Vermeers „Dienstmagd mit Milchkrug“ und natürlich Rembrandts „Nachtwache“, zu finden sind, herrscht dort großer Andrang. Wir verbringen letztendlich vier Stunden im Rjiksmuseum, haben nicht alles gesehen, uns aber auch nicht verlaufen oder das Gefühl, etwas verpasst zu haben (ganz anders erging es uns zum Beispiel im sehr viel größeren Louvre).



Nach stundenlangem Umherwandern im Rijksmuseum sind wir hungrig. Sehr hungrig. Wir haben uns vorgenommen, in die Pancake Bakery zu gehen, wo es die besten Pfannkuchen der Stadt in allen Variationen geben soll. Am Tag zuvor waren wir schon am Lokal vorbeigekommen und hatten es von Weitem an der langen Schlange auf dem Gehsteig davor erkannt.

Einen Tisch für zwei Personen kann man nicht reservieren und so hoffen wir einfach, dass wir nicht zu lange warten müssen, um einen Platz zu ergattern. Als wir gegen 13:30 Uhr an einem Sonntagmittag bei der Pancake Bakery ankommen, sehen wir keine Schlange und bekommen sofort einen Tisch. Ein paar Minuten später müssen dann die nächsten Neuankömmlinge schon wieder warten bis sie platziert werden. Wir haben die Karte schon am Vortag studiert, da wir notorisch zaudern, wenn es in Restaurants um die Bestellung geht. Aus den mehreren Dutzend süßen und herzhaften Pancakevarianten haben wir uns auf die französische Version mit Tomaten, Ziegenkäse und Honig und die „grönländische“ mit Spinat und Camembert festgelegt.

Während wir auf unser Essen warten, schauen wir Kellnerinnen und Küchenpersonal bei ihrem stressigen Job zu. Zig Pfannen glühen gleichzeitig und im Minutentakt werden die Pfannkuchen an die hungrigen Gäste verteilt. Als wir unsere Bestellung bekommen, sind die Pfannkuchen heiß und butterweich und wir kurz darauf nicht mehr hungrig. Uns wurde ein Tisch im Keller zugewiesen – dort ist es zwangsläufig etwas dunkler und wegen der direkt angrenzenden Küche lebhafter als im kleinen lichtdurchfluteten Obergeschoss.


Etwas Abstand vom Gewusel der Einkaufsstraßen und Grachten bekommen wir in den Hofjes, den Hinterhöfen, die man im Vorbeigehen leicht übersehen kann. Durch einen Durchgang gelangt man in die Innenhöfe, die wie ein Ruhepol im Trubel der Großstadt wirken. Liebevoll angelegte Gärten treffen auf Amsterdamer Alltag. Die Häuser zu den Hofjes sind bewohnt und dementsprechend sollte man sich auch verhalten: man bekommt Zugang zum Rückzugsort der Bewohner und sollte dies zu schätzen wissen. Der Begijnhof im Herzen Amsterdams fehlt in keinem Reiseführer und ist gut ausgeschildert. Wir schauen uns nicht nur den Hof selbst sondern auch die beiden Kirchen an – eine evangelische und katholische Kirche sind nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Noch interessanter fanden wir die etwas unbekannteren Hofjes im Jordaan. Kleine Hinweisschilder zeigen die Durchgänge in den Hinterhof an. Beim Schlendern durch den Stadtteil besuchen wir den Sint Andrieshofje und den Karthuizerhof – zwei von vielen. Jedes Mal, wenn wir durch den dunklen Gang in die grünen Hinterhöfe treten, fühlen wir uns in ein anderes Amsterdam versetzt.



Irgendwo ist immer Markt in Amsterdam. Unzählige Floh-, Bauern- und Foodmärkte säumen die Straßen. Wer sich vom Sofa aus einen Überblick verschaffen will, der sollte sich (am besten hungrig) „Im Bauch von Amsterdam“, eine sehenswerte arte-Dokumentation, ansehen.

Wir kommen zufällig am überschaubaren Noordermarkt im Jordaan vorbei. Jeden Samstag verkaufen dort Bauern und Bäcker ihr Brot, ihr Obst und Gemüse.

Bevor wir uns ins Gewühl des Markts stürzen, beobachten wir die Stände und den Alltag drumherum von der Terasse des Café Winkel 43 aus. Die Appeltaart scheint stadtbekannt zu sein. Zu Recht.


Wir umrunden den Noordermarkt gleich zwei Mal. Kein Stand gleicht dem anderen und wir spüren wie viel Leidenschaft die Standbetreiber in ihre Produkte stecken. An einem Stand mit frischen Pilzen können wir nicht anders und erstehen ein Pilzbrot, dem wir bei seiner Zubereitung zusehen können. An einem anderen Stand decken wir uns mit Salsa Verde und Brotaufstrichen ein.




In einer Stadt mit mehr als 80 Kilometern an Grachten und Kanälen bietet sich eine Bootsfahrt fürs Sightseeing an. Wir erwischen eines der kleinen Boote ohne Rundumprogramm. Auf den großen Schiffen gibt es Audioguides in zig Sprachen und Getränke. Wir bekommen eine Privatrundfahrt mit einer handvoll anderen Gästen. Eine Stunde schippern wir über die Amstel und die zahlreichen Grachten, erfahren etwas über die einzigartigen Grachtenhäuser, die Hausboote und die Besonderheiten der verschiedenen Kanäle.

Wer die Chance dazu hat, dem empfehlen wir eine Fahrt in der einbrechenden Dunkelheit. Bei Tageslicht sieht Amsterdam vom Wasser aus betrachtet ähnlich aus, wie das Amsterdam, dass man zu Fuß entlang der Grachten erkundet. Im Dunkeln sind die vielen Brückenbögen eindrucksvoll beleuchtet – das gilt besonders für den einmaligen Blick auf die „sieben Brücken“. Bei unserem ersten Amsterdam-Besuch waren wir nach Einbruch der Dunkelheit auf den hell erleuchteten Grachten unterwegs.

Jetzt kommt kein Geheimtipp. Für belgische Fritten gibt es eine Institution in Amsterdam – Vleminckx. Wir reihen uns ein in die lange Schlange in der Amsterdamer Innenstadt, die zu einem unscheinbaren kleinen Imbiss führt. Zum Verkauf stehen Pommes. Groß, mittel, klein und 25 Saucen. Fertig. Wir haben gleich vier davon probiert: rot-weiß mit Zwiebeln, grüner Pfeffer, Käse- und Pickles-Sauce. Sie waren alle hervorragend und die Fritten außen knusprig und innen weich.


Fast genauso zwanglos, wie man vorm Vleminckx in der Fußgängerzone seine Pommes verdrückt, geht es in De Laatste Kruimel zu. Das Chaos, das im letzten Krümel zu regieren scheint, macht ihn zu einem Ort, an dem wir uns sofort wohl fühlten. In der Auslage türmen sich Torten, Kuchen, Scones, Tartes und Quiches. Mit den gekauften Schätzen und einem Kaffee balancieren wir um die anderen Gäste herum zu einem der improvisierten Tische. Von dort aus beobachten wir, wie nur einen Meter entfernt gebacken und gekrümelt wird.

Wer möchte, kann sich an der etwas hemdsärmeligen Arbeitsweise und dem Pappgeschirr stören, das wohl in Ermangelung einer ausreichend großen Spüle verwendet wird. Wir finden De Laatste Kruimel vor allem authentisch und äußerst charmant. Bei unserem ersten Besuch fühlten wir uns schlagartig willkommen und das war auch dieses Mal der Fall.



Wir übernachten selten in Hotels und verpflegen uns selbst. Deshalb ist der Gang zum Supermarkt oder auf den Markt bei uns auf Reisen ein wichtiges und geschätztes Ritual. Vom ersten Amsterdam-Aufenthalt hatten wir die Fillialen von Marqt noch in guter Erinnerung.

Überschaubar, regional, saisonal und meist bio ist das Sortiment. Man bekommt bei Marqt nicht alles, aber dafür das Richtige. Die Regale und Theken sind schnörkellos und das Einkaufen geht entspannt vonstatten. Wenn nicht an jeder Ecke ein bunter Aufsteller mit Sonderangeboten herumsteht, konzentriert man sich auf das, worauf es ankommt: den Einkaufszettel und die Produkte.


Nach drei Tagen sind wir glücklich aber auch ein bisschen geschafft von Amsterdam und randvoll mit Eindrücken: in unseren Ohren haben wir den Lärm einer Großstadt angereichert mit unzähligen Fahrradklingeln und die Ruhe der Hofjes. Vor Augen haben wir das Gewusel der Innenstadt und die Grachten, die die Stadt wie Adern durchziehen. Wir sind unzählige Kilometer gelaufen und dabei gefühlt an jedem Grachtenhaus vorbeigekommen. Wir haben uns dennoch nicht satt gesehen und freuen uns schon auf das nächste Mal.

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