Wir rumpeln über vereiste Hochlandpisten und bestaunen schwimmende Eisberge

Wir spüren, dass wir uns den großen Gletschern an der Südküste Islands nähern. Aus dem schmalen Küstenstreifen auf dem die Ringstraße verläuft, sind Ebenen geworden und unser Blick weitet sich. Immer wieder weisen Schilder auf Gletscherzungen hin und wir biegen einfach mal auf gut Glück in der Nähe von Hoffell von der Ringstraße ab.

Keine zehn Kilometer soll der Gletscher entfernt sein und wir können ihn in der Ferne erkennen. Doch schnell wird aus der asphaltierten Straße eine Schotterpiste, aus der Schotterpiste ein breiterer Pfad mit dicken Gesteinsbrocken. Bald wissen wir nicht mehr, ob wir einen Weg benutzen oder ein ausgetrocknetes Flussbett entlangfahren. Auf halbem Weg beschließen wir umzukehren und verweilen doch noch ein paar Minuten mitten in der Pampa. Wir haben unser Fernglas herausgekramt und schauen gebannt in Richtung Gletscher. Auf der Suche nach der Gletscherzunge haben wir etwas anderes entdeckt. In wenigen Kilometern Entfernung grasen Tiere, die wir erst nach ein paar Minuten einordnen können – wir haben gerade zum ersten Mal Rentiere gesichtet.

Weiter geht es auf der sich lang geradehinziehenden Ringstraße Richtung Westen. Am Nachmittag wollen wir uns den Touristenmagnet Jökulsárlón ansehen, aber zunächst werden wir auf einen weiteren Abzweig von der Ringstraße aufmerksam. Ganz unscheinbar geht es rechts zur Hochgebirgspiste F985 hinauf. Die Straße führt ins Hochland, scheint aber nicht gesperrt zu sein. Von hier aus werden Jeeptouren über die 16 km lange Piste ins Hochland angeboten. Wir überlegen einige Minuten, ob wir uns nach oben wagen sollten. Einen Versuch ist es wert. Über enge Serpentinen schlängeln wir uns langsam aber sicher viele Höhenmeter nach oben. Minute um Minute können wir weiter blicken, der Küstenstreifen liegt im Sonnenlicht vor uns, der Atlantik glänzt und die Ringstraße ist nur noch ein dünnes Band, das längs der Küstenlinie verläuft.

Aber Minute um Minute wird auch die Piste abenteuerlicher. Der Weg ist überfroren und mit Schlaglöchern übersät. Wir kommen immer langsamer voran und zählen die Kilometer, die wir bereits hinter uns gebracht haben. Es steht jetzt etwas auf der Kippe was aus dem harmlosen Abstecher von der Ringstraße wird. Hier oben wollen wir nicht stecken bleiben. Wir haben auf unserer Reise bereits gelernt, dass man sich mitunter auch vor der eigenen Hütte so festfahren kann, das tagelang kein Weiterkommen möglich ist. Einen Kocher und einen Schlafsack haben wir zwar dabei, möchten aber dennoch nicht stundenlang ausharren und eine kleine Rettungsaktion auslösen nur weil wir unbedarfterweise mit unserem Mietwagen diese Piste befahren mussten.

So schön die Strecke auch ist, wir kehren um als wir an einer Weggabelung nicht mehr erkennen ob die Piste nun weiter geradeaus oder linksherum verläuft, wir waren schon zu lang einfach nur den Reifenspuren nach oben gefolgt.

Für die Abfahrt über die vereisten Serpentinen nehmen wir uns sicherheitshalber sehr viel Zeit. Wir rumpeln ganz langsam Normalnull entgegen. Als wir 30 Minuten später wieder auf die Ringstraße abbiegen, sind sowohl wir als auch der Mietwagen noch wohlauf.

Der Höhepunkt des Tages steht uns aber noch bevor. Unvermittelt taucht er vor uns auf – die Gletscherlagune Jökulsárlón. Zunächst gehen wir aber an den schwarzen Strand neben der Mündung des 500 m langen Jökulsá Flusses.

Aus der Gletscherlagune treiben große und kleine Eisblöcke den Fluss hinunter ins Meer und werden ein paar Meter weiter wieder am Strand angespült. Der gleißende Sonnenschein macht den Anblick noch unwirklicher. Um uns herum ist der Strand mit großen und kleinen Eisblöcken in allen nur vorstellbaren Formen übersät. Manche Eisblöcke schimmern tiefblau, die meisten kleineren glasklar und durchsichtig. Wir laufen staunend den Strand auf und ab und halten gefühlt an jedem zweiten Eisblock inne. Wir saugen das Naturschauspiel in uns auf und betasten das Eis, in dem sich das Sonnenlicht bricht.

Jetzt wollen wir uns aber auch das Touristen-Komplett-Programm geben und eine Rundfahrt auf der eigentlichen Lagune machen. Der Parkplatz vor der Jökulsárlón ist nur halbvoll – ein Touristenhotspot im Sleep-Modus. Aufgrund der großen Eisblöcke, die im Herbst auf der Lagune treiben, werden keine Fahrten mit kleinen schnellen Schlauchbooten angeboten.

Wir besorgen uns einen Fahrschein für die behäbigeren größeren Amphibienfahrzeuge und nach kurzer Wartezeit schippern wir gemütlich über die Jökulsárlón. Das Boot ist dennoch in heller Aufregung, die Tagestouristen scheinen die Gletscherlagune totfotografieren zu wollen. Smartphones und Digitalkameras glühen, alle stehen dichtgedrängt und versuchen gefühlt jeden Quadratmeter der Lagune festzuhalten.

Wir kreuzen etwa 30 Minuten auf der Jökulsárlón herum, hören ein paar triviale Fakten und man versucht uns näher zu bringen, wie groß die Lagune überhaupt ist. Inzwischen ist sie doppelt so groß wie der Tegernsee und die tiefste und größte Gletscherlagune Islands, aufgrund des Klimawandels wächst sie jedes Jahr weiter und der dazugehörige Gletscher zieht sich immer weiter zurück.

Vom Boot aus bekommen wir die wahre Größe der Lagune nicht zu fassen. Überall treiben riesige Eisberge im Wasser. Sie versperren die Sicht, aber hinter ihnen geht es immer noch weiter. Selbst als wir schon weit auf die Jökulsárlón herausgefahren sind, ist die Breiðamerkurjökull-Gletscherzunge, die den See speist, noch kilometerweit entfernt.

Unserem Ausflugsboot und seiner Besatzung merkt man an, dass hier Tag für Tag tausende Touristen hindurchgeschleust werden und die meisten von ihnen einfach nur schnell ein paar Schnappschüsse von der Lagune machen wollen.

Dennoch werden wir die Fahrt auf der Jökulsárlón und den Strand so schnell nicht vergessen. Etwas Vergleichbares gibt es wohl nicht so oft zu sehen und sollten wir an diesen Ort nochmal zurückkehren, dann wird er aufgrund des stetig schmelzenden Gletschers nicht mehr der gleiche sein wie bei unserem ersten Besuch.

Die Basics zu unserer Islandreise – Route, Mietwagen, Ausrüstung, Anreise und Wissenswertes über Island haben wir in diesem Beitrag zusammengefasst.

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